Singlefrage: Wer passt eigentlich zu mir?

Ob es wohl passt?

Noch in den 1950er und 1960er Jahren hätte kaum jemand gefragt: „Wer passt eigentlich zu mir?“, sondern „wer gefällt mir?“ Wenn man die Berichte der Menschen verfolgt, die „Goldene Hochzeiten“ feierten (dazu muss man bekanntlich 50 Jahre verheiratet sein), dann sticht immer wieder hervor, dass sie irgendwie, irgendwann und irgendwo einmal aufeinandergeflattert sind, einander spontan mochten und dann heirateten.

Man traf einander ohnehin nur, wenn man irgendwie „gleich“ war. Zwar glich der „Tanzboden“ soziale Unterschiede ein wenig aus aus, doch im Endeffekt traf man auch dort „seinesgleichen“. Man kam also aus einem ähnlichen Milieu, konnte sich nicht vorstellen, diese Umgebung wirklich zu verlassen, und wollte auch sonst  ein angepasstes, unauffälliges Leben führen.

Der Autor Malte Welding  blickt aufs 16. Jahrhundert und schreibt etwas ironisch:

Wir sind zwanzig Jahre alt, christlich getauft, Bauernsohn, Lieblingsbuch: die Bibel, Lieblingstanz: Reigen. Obwohl das Dorf klein ist und gerade mal 400 Einwohner hat, gib es … 40 Mädchen in unserem Alter, christlich getauft, Bauerntochter, Lieblingsbuch: die Bibel, Lieblingstanz: Reigen. Und wir kennen sie alle.

MalteWelding

Warum du niemals fragen solltest: “wer passt?”

Das Interessante kommt jetzt:

Auch, wenn ein Single niemals in seinem Leben die Chance hatte, unter 40 potenziellen Partnern zu wählen, würde er sich dennoch fragen, wer wohl zu ihm „passen“ könne und nicht „wer ist für mich verfügbar?“

An dieser Stelle muss ich allen in die Suppe spucken, die glauben, sie hätten die freie Auswahl wie beim Hauptgewinn auf dem Jahrmarkt. Sicher gibt es Menschen, die am Partnermarkt eine gewisse Auswahl haben. Doch in der Praxis reduziert sich die Auswahl auf die wenigen Menschen, die wir in angemessener Zeit wirklich kennenlernen können – etwa 20, wenn es hochkommt. Und sie wird noch wesentlich weiter dadurch eingeschränkt, dass wir nicht alle sympathisch genug finden, oder dass sie uns ihrerseits nicht wirklich interessant finden.

Und nun kommt noch der Clou:

Die tausend Singles, die auf dich warten – ein Blöff

Es ist absoluter Blödsinn, anzunehmen, dass da draußen Tausende von Singles auf dich warten. Diese Vorstellung wird ausschließlich von denjenigen genährt, die daran verdienen, dass du es glaubst. Vor allem Single-Börsen und Online-Partervermittler werben mit ihren „riesigen“ Datenbanken und „mehrerer Millionen“ Mitgliedern. Einer ihrer Tricks besteht nun darin, zu behaupten, sie könnten feststellen, wer von den vielen Tausend potenziellen Partnern zu dir „passt“.

Tatsächlich ist das Problem der Partnersuche nicht, ob jemand „passt“, die Frage ist, ob dich jemand will, und wie du jemanden findest, der dich will.

Diese Frage kann kaum beantwortet werden. Während nämlich die Kriterien für „Passungen“ ziemlich simpel und zudem relativ willkürlich sind, kann die Frage „Könnte diese Person voraussichtlich jemanden wie mich wollen?“ nur aus der Erfahrung heraus beurteilt werden – und die fehlt den meisten Partnersuchenden. Dennoch sollten wir uns nun fragen: Wer könnte dich wollen?

Wer könnte dich wollen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, nach denen Menschen als Partner ausgewählt werden.

  1. Jemand sieht in dir eine Person, die aus einem ähnlichen Milieu kommt, sodass keiner von euch beiden gezwungen ist, sich an neue Lebensbedingungen anzupassen. Das Modell beruht auf Gleichheit und dem Wunsch, konfliktfrei durchs Leben zu manövrieren. Ich gebe ihm deshalb den Namen: Gleichheit“.
  2. Jemand sieht dich als besonders attraktiv an, weil du ein besonders liebevolles Wesen hast, besonders schön bist, oder weil du viel Geld, Macht und Einfluss hast und dergleichen mehr. Der Zugewinn steht also im Mittelpunkt, also nennen wir das Modell auch so: „Gewinn erzielen“.
  3. Jemand möchte dich als Ergänzung für das, was ihm fehlt und denkt, dass er dafür etwas geben kann, was dir fehlt. Das Prinzip, das dahinter steht könnet man „Tauschen und Ergänzen“ nennen. 
  4. Jemand sieht in dir die Möglichkeit, aus einer emotionalen, sozialen und pekuniären Misere zu entfliehen oder endlich ein aufregendes Leben zu beginnen. Man könnet dieses Modell „Retter(in) gesucht“ nennen.
  5. Jemand will sich einfach verlieben und tut dies ohne Vorbehalte und längere Erwägungen, ob es gut gehen könnte. Das Modell könnte heißen: „Die Liebe überwindet alle Hürden“.

Alte Psycho-Regeln zählen nicht mehr

Ihr werdet bemerkt haben, dass ich auch die vermeintlichen Prinzipien „Gleich und Gleich gesellt sich gerne“ beziehungsweise „Gegenpole ziehen einander an“ verzichtet habe.  Sie sind aus dem Volksmund in die Psychologie geraten und entbehren jeder Grundlage. Das „Gleichheitsprinzip“ entstand (und entsteht  weiterhin) dadurch, dass Menschen ihre Partner in einem „bekannten Milieu“ suchen – und dies ist im Grunde für die meisten selbstverständlich. Wer gegensätzlich sucht, möchte das Milieu gerne verlassen, aus dem er stammt. Beide Verfahren waren (und sind) für die Evolution wichtig, sodass es keinen Anlass gibt, das eine oder das andere auf- oder abzuwerten. Partnersuchende sollten aber wissen, das ein Leben in anfänglicher Verschiedenheit mehr Toleranz und Geduld erfordert als ein Leben in Gleichheit und Beständigkeit.

Beantwortet? Oder weiter lesen?

Die Frage „wer passt zu mir?“ dürfte damit eigentlich beantwortet sein: „Jeder, der dich will und den du auch willst.“ Meinst du, wir könnten es dabei belassen?

Nein, eher nicht?

Solltest du dich mit der Frage weiterhin beschäftigen, biete ich dir an, über den Begriff des „Passens“ zu sprechen. Im Grund nämlich müssten wir fragen „Wer passt zu mir, um …“. Ihr seht, ganz so leicht wie die populistischen Schreiber der Beratungsliteratur mach ich es mir (und dir) nicht.

Zitat: Aus „Frauen und Männer passen nicht zusammen …“, München 2011. Bild nach einer historischen, anonymen Zeichnung.

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