Liebe und Verführung

Vergötterte Verführerin 1926

Manche Werte der Liebe sind sehr stark vom Christentum besetzt, und allein deshalb gibt es kaum Literatur über „Liebe und Verführung“. Denn eine Verführung zur Liebe wird gleichgesetzt mit einer Versuchung, und die gilt es nach einhelliger Meinung des Christentums zu vermeiden.

Nach manchen Berichten betete man auf Armenisch:

Bringe mich nicht in die Gewalt der Sünde und nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung.“

Bibelstudien

Daraus soll nach den griechischsprachigen Aufzeichnungen das jedem Christen geläufige Gebet mit dem Namen „Vaterunser“ entstanden sein, das nun klar aussagt:

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

NT

Nach diesem kleinen Ausflug ins Christentum müssen wir noch einmal im Bereich der deutschen Sprache fischen, in der eine „Verführung“ das „verleitet Werden, das Abgehen, das Abweichen vom Richtigen; so besonders in moralischer Beziehung, Verleitung zur Unzucht.“

Abweichen vom “rechten Weg?”

Womit das Stichwort gefallen wäre: Als „Verführung“ wird seit Jahrhunderten „eine Abweichung vom richtigen Weg“ verstanden. Dabei übernimmt die verführte Person die Rolle des unschuldigen Opfers, der Verführer hingegen die Rolle des infamen Täters. Der französische Dichter Charles Perrault hat in der Originalfassung des „Rotkäppchens“ genau diese Situation dargelegt:

Da gibt es Wölfe, die ganz zart, ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen die jungen Damen scharf ins Auge fassen und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen. Doch ach, ein jeder weiß, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Charles Perrault

Die Macht der Weibchenwahl

Mit diesem Wissen ausgestattet, können wir uns ins 21. Jahrhundert wagen. Wir sehen nun vor allem, dass wir unsere Vorstellung vom „Verwerflichen“ einer Verführung revidieren müssen, denn inzwischen hat sich etwas geändert:

Wir wissen von den Säugetieren, dass die meisten von ihnen die Weibchenwahl bevorzugen, konkret:

(Weibchenwahl besagt heute …), dass Weibchen ein Verhalten zeigen oder eine Struktur besitzen, aufgrund derer sie sich mit größerer Wahrscheinlichkeit mit manchen Männchen ihrer Art paaren als mit anderen.

Spektrum der Wissenschaft

Dieses Verhalten an sich hat alle Merkmale der Verführung. Es ist mit dem Verhalten menschlicher Frauen und den Bedingungen, unter denen sie wählen, dann völlig identisch, wenn sie genügend Verführungskräfte (sichtbare Eigenschaften, Körpersprache, Flirtverhalten) besitzen und es eine genügend große Anzahl von Männern gibt, aus denen sie wählen können. Allerdings können sie dieses Verhalten nur in liberalen, gleichberechtigten Gesellschaften ausüben.

Wer verführt?

Sind Frauen nun Verführerinnen? Oder sind es doch die Männer, die verführen? Und was muss überhaupt passieren, damit Verführungen stattfinden?

Genau hier hakt sich die Wissenschaft aus. Wenn Verführung ein Prozess wäre, dann müsste er eine Struktur haben – und dafür scheuen Laien wie Wissenschaftler im Allgemeinen zurück. Viel einfacher ist es, das Schubladendenken zu kultivieren: Eva war eine Verführerin, und also sind alle Verführerinnen Frauen. Und weil Verführungen aus christlicher Sicht „schlecht“ waren, galten den Christen nahezu alle Frauen als minderwertig. Dabei sprechen die Bücher des Mose Frauen durchaus das Recht zu, eine Verführung auszuführen, wenn der Zweck, den sie damit verfolgen, legitim ist. Das gilt für die Töchter des Lot ebenso wie für die biblische Thamar.

Was passiert wirklich bei Verführungen?

Kommen wir zurück zum Weltlichen: Eine Verführung ist ein Prozess, in deren Verlauf eine Hemmung im Liebesverlangen beseitigt wird. Dabei agiert die eine Person als Verführer(in), das heißt, er ruft das latente Verlangen der anderen Person aus den Tiefen der Psyche hervor oder verstärkt es, wenn es schon offenkundig ist. Die andere Person spielt die Rolle der/des Verführten. Sie hat sich bereits in eine Situation begeben, in der sie verführt werden könnte, doch ist dies nicht ihre ursächliche Absicht. Die Verführung ergibt sich aus der Körpersprache beider, aber auch aus den biologischen Prozessen, die nach und nach wachgerufen werden. Dabei wird der „Weg zurück“ immer mehr durch die eigene Begierde gehemmt.

Das Fazit

Die Frage, wer wen warum verführt, ist im Grunde völlig nebensächlich. Man kann keinen Menschen verführen, der die Sehnsucht oder Bereitschaft nicht bereits in sich trägt. Oder mit anderen Worten: eine passende Situation, eine latente Bereitschaft und ein Mensch, der sie fördert – und schon haben wir die Verführung, wie sie „im Buche steht“.

Titelbild: 1926 erschien ein Magazin mit diesem Titelbild (Rekonstruktion nach dem Original)

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