Liebe – durch Küsse und Schläge?

Fantasie, vorgeführt zu werden

Ein Randgebiet der Liebe, das immer wieder Gegenstand wissenschaftlicher wie auch frivoler Betrachtungen ist, besteht aus der „reinen Lust“ am erotischen Spiel zwischen Zärtlichkeiten, sexueller Begierde und lustvollem Schmerz.

Während solche Formen der Lust, Leidenschaft oder Begierde bis vor einigen Jahren nicht zur Liebe, sondern zu den „Perversionen“, neuwissenschaftlich „Paraphilien“ oder „Störung der Sexualpräferenz“ gerechnet wurden, ist heute ein Wandel zu verspüren. Inzwischen sehen manche Paare heute das „Lust -Karussell“ aus Küssen und Schlägen sowie weitere „Verschärfungen“ der sinnlichen Begierde Lust als ausgesprochen anregend an.

Schwierige Annäherung an das Thema

Wer darüber recherchiert, sollte behutsam vorgehen. Die wissenschaftliche, aber auch die pseudowissenschaftliche Literatur ist durchsetzt von Glaubenskriegern, die solche Verhaltensweisen entweder verharmlosen und anprangern. Auch wer nach Romanen oder Erzählungen sucht, wird mehr Unsinn als glaubwürdige Schilderungen finden. So kommen die „Shades of Grey“, die nahezu jede Frau „irgendwie“ kennt, einem erotischen Märchenbuch nahe, und Sacher-Masochs bekanntes, Werk „ Venus im Pelz“ wirkt heute bereits recht angejahrt. Die meisten bewusst zur erotischen Erregung erdachten Romane, von Werken der viktorianischen Zeit bis zum heutigen erotischen E-Book geben leider nur ein Zerrbild von Freud und Leid der sinnlichen Abweichungen wieder.

Das weitaus meiste, was sich in Liebesbeziehungen mit ein wenig „Cayennepfeffer“ abspielt, besteht aus Rollenspielen, zumeist aus Spielen mit dem Voyeurismus, der Unterwerfung, der sinnlichen Flagellation oder dem Tausch der Geschlechterrollen.

Warum tun Liebende so etwas?

Die Frage ist berechtigt, doch die Antwort ist ganz einfach.

Die meisten Befragten nennen als wichtigsten Grund …, dass sie diese Spielart der Sexualität als erotisch empfinden.

Gini Graham Scott

Zum Zeitpunkt, als dies geschrieben wurde (1983) waren die nach derartigen Lüsten suchenden, überwiegend Männer, weshalb sie folgende psychologischen Bedürfnisse ergänzt:

Frauen können dabei erfahren, wie es ist, Macht und Kontrolle über Männer auszuüben, Männer haben die Möglichkeit, auf Machtausübung bewusst zu verzichten.

ebenda

Inzwischen gilt dies nicht mehr so exklusiv: Starke und erfolgreiche Frauen geben sich heute eher den sinnlichen Wonnen bewusster Unterwerfung hin, sei es in gleichgeschlechtlichen Beziehungen oder in traditionellen Ehen. Die Behauptung, Frauen würden sich „der Macht beugen“ und „widerwillig“ an derartigen Ritualen teilnehmen, ist nur noch schwer haltbar. Wo dies der Fall ist, leiden sie offenbar noch unter anderen, widerwärtigen Machtstrukturen.  

Sinnliche Unterwerfung – ganz normal?

Die Forschungen von Frau Scott liegen schon lange zurück – und inzwischen sind neue Erkenntnisse aufgetaucht: Mittlerweile gehen die meisten Forscher davon aus, dass die Lust auf „Unterwerfung“ ein ganz normaler Wunsch im Rahmen der sexuellen Hingabe ist, und dass ihn Frauen und Männer empfinden können. Wie es scheint – das st allerdings spekulativ – liegen die Empfindungen von Schmerz und Lust im Gehirn sehr nahe beieinander, und sie beeinflussen sich möglicherweise gegenseitig, was auch als „Schmerzlust“ bezeichnet wird. Es ist auch keinesfalls selten, dass Schmerz als sinnliche Hingabe empfunden wird – das Problem ist eher, dass uns die Befragten nicht ihre wahren Wünsche und Gefühle zeigen, weil sie glauben, dann verachtet zu werden.

Heftige Wünsche – schwache Erfüllung

Wie so oft in den Nischen der Liebe und der Lust sind die geheimen Träume von Lust und Leidenschaft in Schmerz oder Unterwerfung wesentlich verbreiteter als die Ausübung. Glaubwürdige Untersuchungen haben ergeben, dass nahezu 65 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer von unterschiedlichen Arten der erotischen Unterwerfung träumen. (Bei Männern aktiv 60 Prozent und passiv 53 Prozent, bei Frauen aktiv 47 Prozent und passiv 65 Prozent).

Grafische Darstellung erotischer Träume und Fantasien, in Prozent

Die meisten Menschen werden niemals darüber sprechen, dass sie solche Träume oder Fantasien haben. Und die meisten Paare wissen nicht einmal voneinander, was in den „Hinterhöfen“ der Köpfe ihrer Partner vorgeht. Der Hauptgrund scheint zu sein, dass sie fürchten, in der realen Situation ihre Liebe zu ruinieren. Und weil dies so ist (und auch den Forschern so berichtet wurde) lassen sie es sehr oft bei der puren Fantasie.

Wer lüstet und leidet zugleich?

Und diejenigen, die es tun? Die bereits erwähnte Gini Graham Scott will festgestellt haben, dass es sich um ganz gewöhnliche Zeitgenossen aus dem Mittelstand handelt. Teils sind sie verheiratet und spielen ausschließlich miteinander, teils leben sie in offenen Beziehungen und teils sind sie solo und gönnen sich ihr Vergnügen dann und wann mit einschlägigen Freundinnen und Freuden. Und anders als bei jenen, die nur träumen und fantasieren, hatte diejenigen, die es probierten dun später oft auch beibehielten, im Erwachsenenalter einmal ein Erlebnis, das den Impuls auslöste.

Ob dies heute noch so ist? Viele Autoren glauben mittlerweile, dass die Suche nach erotischen oder sensuellen Sensationen, die Paare und Einzelpersonen dazu treibt, ihre Begierden auf diese Weise zu erproben und ihre Grenzen dabei auszutesten.

Für diesen Artikel wurden viele “glaubwürdige Internet-Quellen” verwendet, die eher wenig spektakulär sind. Zitate aus dem Buch von Gini Graham Scott, “Dominanz und Demut” New York 1983) zahlen aus einer Studie
zu sexuellen Fantasien der Université du Québec à Montréal. Bild: Titel Anonym, Privatsammlung, Titel: “Der Mann als Reittier”, andere Grafiken © 2019 by Liebesverlag.de

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