Die Liebe und das Christentum

Christentum: das Schöne bleibt schön

Sei wie eine Brunnenschale, die zuerst das Wasser in sich sammelt und dann überfließend es weitergibt.

Bernhard von Clairvaux, Theologe, 12. Jahrhundert.

Die Liebe im Christentum ist im Grunde so eindeutig definiert, dass mich die Diskussion darüber immer wieder verwundert. Nach Auffassung der Genesis hat Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen und ihn mit der Liebesfähigkeit ausgestattet, die ihm selbst eigen ist. Eine liebende, schöpferische Persönlichkeit muss über ein großes Potenzial an Liebe verfügen. Allerdings muss der Mensch als vergängliches, aber gleichwohl bewusstes Lebewesen die göttlichen oder naturgegebenen Ressourcen auffüllen. Also muss er sich selbst lieben, aus diesem Potenzial seine Liebe schenken, aber auch in der Lage sein, die Liebe wieder auszufüllen. Insofern ist kein Unterschied zwischen einer von Gott gegebenen Ressource oder einer Ressource, die auf der Evolution fußt.

Sehen wir einen Moment in das Werk, in dem alle stehen soll: die Bibel.

Das sogenannte „Alte Testament“ (Pentateuch) ist im Grunde eine Sammlung von Verhaltensweisen. Wie das „tägliche Leben geheiligt“ werden kann, erfahren wird in Mose 19,18:

Du sollst nicht rachgierig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn ich bin der HERR.

AT, Mose 19, 18

Dieses Kapitel enthält eine große Anzahl von Hinweisen für das tägliche Leben der damaligen Zeit und unterscheidet sich damit von den „Zehn Geboten“, die sich hauptsächlich mit Grundlagen und Eigentumsverhältnissen beschäftigen.

Der Satz wird einige Mal in neueren Schriften des Christentums wiederholt, aber nicht neu interpretiert. Der „Nächste“ ist dabei zunächst immer der Glaubensbruder oder der Nachbar, dem man „nahe“ ist. Dabei dient die Selbstliebe dem Einzelnen zur Stabilisierung, die Nächstenliebe fördert das Gemeinsamkeitsgefühl.

Ist Gott “die Liebe”?

Ist „Gott die Liebe“? Hat Gott die Menschen symbolisch oder tatsächlich aus „überströmender Liebe“ geschaffen? Erstaunlicherweise berufen sich so gut wie alle Autoren dabei auf vergleichsweise „neue“ Quellen, wie etwa die des Evangelisten Johannes. (Johannes 4, 16). Sie wird in vielen Apostelgeschichten in ähnlicher Weise erzählt. Bekanntlich handelt das Johannesevangelium von den großen Reden, Dialogen und Auseinandersetzungen, die dem Religionsstifter zugeschrieben werden. 

Und wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat. Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

NT, Johannes 4, 16)

Die Behauptung, dies seinen „Jesusworte“ kann schnell entkräftet werden: Der Religionsstifter hat in Markus 12, 31 lediglich die mosaische Auffassung verteidigt.

Markus-Evangelium 12,29-31

„Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«. Es ist kein anderes Gebot größer als dies.“.

NT, Markus 12, 31

Nachdem wir uns dies vergegenwärtigt haben, ist es an der Zeit, die Liebe im Christentum einzuordnen.

Die Liebe als übergeordnetes Prinzip

Das Christentum sieht die Liebe als ein „übergeordnetes Prinzip“. Denn wenn Gott die Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, dann wohnt Gottes Liebe auch in uns, und wir sind aufgefordert, seine Liebe auch an andere weiterzugeben. Tun wird dies, so sind wir nicht nur „gute, gottesgefällige Menschen“, sondern wir bekommen auch häufig einen Sofort-Bonus: Wie werden als gute Menschen anerkannt und geliebt.  Dazu hat jeder, der aufrichtig liebt, auch die Chance, ebenso aufrichtig geliebt zu werden.

Ich kann keinen Widerspruch darin sehen, andere zu lieben und das zu genießen, was an Liebe zurückkommt, ebenso wenig, wie ich einen Grund sehen kann, sich selbst nicht lieben zu dürfen. Jeder, der geistig und emotional gesund bleiben will, muss in der Lage und berechtigt sein, seine Liebe zu verwalten.

Und: Es muss immer genügend „Wasser in der Schale“ sein. Denn ist der „Brunnen der Liebe“ einmal ausgetrocknet, dann nützt er weder uns selbst noch unseren Mitmenschen.

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