Liebe und Heterosexualität

nur ein sinnlicher kuss .. oder schon verliebt?

Bevor wir uns verpflichtet fühlten, uns im Namen der Wissenschaft als „Heterosexuell“ zu bezeichnen, wenn wir ganz und gar oder jedenfalls überwiegend das jeweils andere Geschlecht begehrten … ja, was war denn da? Die Historikerin Hanne Blank hat ein interessantes und überaus kluges Buch dazu geschrieben, nämlich: „Straight – eine überraschend kurze Geschichte der Heterosexualität“.

Sie hat absolut recht, denn die Geschichte der „Heterosexualität“ ist nicht nur kurz, sondern der Begriff ist wissenschaftlicher Unsinn. Er wurde lediglich zur Abgrenzung zur „Homosexualität“ erfunden. Und um es frank und frei zu sagen: Es gibt keinerlei Beweise für einen Zustand der „Heterosexualität“.  Es gibt nur uns selbst und die Art, wie wir lieben und wen wir lieben, wann wir lieben und wo wir lieben und was wir dabei empfinden oder auch nicht. Und es mag Liebe, Lust, Leidenschaft oder Begierde genannt werden – wen geht es etwas an?

Als die Psychiatrie eine neue Wissenschaft gebar

Lesen wir zunächst einmal bei Hanne Blank (1):

Als „Heterosexualität“ in die Wissenschaft gelangte, geschah dies vor allem durch die Psychiatrie … vor allem die frühe Psychiatrie war völlig unbiologisch orientiert. Ihre Protagonisten hatten zwar Medizin studiert, aber wie wir aus den Werken von Freud und seinen Kollegen wissen, hatte der Stand dieser Wissenschaft damals etwas mit Erinnerungen, Unterdrückung der Triebe, Träumen und fehlendem Bewusstsein zu tun.

Eine unglaubliche Verwirrung

Dieser Mangel an Wissenschaftlichkeit der frühen Psychiater, die sich mit Homosexualität und dergleichen beschäftigten, fällt heute noch kaum jemandem auf. „Weil sie studierte Ärzte waren, mussten sie auch etwas über die Empfindungen der Menschen wissen“ ist bis heute im Volk weit verbreitet. Tatsache ist, dass sie im Bereich der Liebe (und der sexuellen Neigung) alle über Vermutungen schrieben, ob sie nun Sigmund Freud oder oder Krafft-Ebing hießen. Doch weil das Volk glaubte, sie wüssten etwas, kam das Wort „Heterosexuell“ schnell zu Ruhm und Anerkennung, oder um es nochmals mit Hanne Blank (1) zu sagen:

Als Erbe der Psychiatrie wurde das Wort „Heterosexuell“ sofort (… im Sprachgebrauch …) verankert und im Medizinbetrieb als Standard für Normalität und und richtiges Verhalten angesehen.

Das Unwort und seine Schöpfer

Allerdings enthalten all diese monströsen Wortgebilde einen Schönheitsfehler: Sie haben mit „Wissenschaft“ im engeren Sinne gar nichts zu tun. Es handelte sich vielmehr um Abgrenzungen, die immer dann auftraten, wenn man den Begriff „Die sexuelle Begierde eines Mannes, die auf einen anderen Mann abzielt“ definieren wollte.

Das Problem der Definition hatte schon Karl Heinrich Ulrichs im Jahre 1864, also lange, bevor die Psychiater und Psychotherapeuten das Feld der Definitionen eroberten. Er war der Ansicht, dass die Männer, die ausschließlich Männer lieben, als „Urninge“ bezeichnet werden sollten.Kaum war dieser Begriff geschaffen, musste auch das Gegenteil gefunden werden. Denn wenn „Urninge“ (auch Uranisten) eine eigene Gattung bilden, dann musste es auch „Dioninge“ geben, die man später „Heterosexuelle“ nannte.

Homosexuell? Definiere dich als das, was du willst

Nach den vielen Diskussionen der Vergangenheit über die „sexuelle Orientierung“ kann man heute nur sagen: Wenn sich jemand als ausschließlich „homosexuell“ definiert, dann wir er sexuell ohne Ausnahme vom gleichen Geschlecht angezogen. Männer, die das tun, bezeichnen sich selbst oft als „Schwul“ oder „Homosexuell“, die entsprechenden Frauen als „Lesbisch“ oder ebenfalls als „Homosexuell“.

Heterosexuell: Keine Definition nötig

Nachdem dies gesagt ist: Es gibt nicht den geringsten Grund, sich selbst als „Heterosexuell“ zu bezeichnen. Deine Sexualität kann Facetten haben – erkläre sie denjenigen, die du lieben willst – wem sonst?

Wenn die Lust fließend ist

Inzwischen glaubt man wissenschaftlich wie auch außerwissenschaftlich, dass es einen Bereich „fluktuierender“ Sinnlichkeit, Sexualität oder Begierde gibt, der bei Frauen offenbar stärker ausgeprägt ist als bei Männern. Die Psychologin Lisa M. Diamond hat (wie viele ander auch) darüber geforscht und stellt mindestens dies als Ergebnis fest:

„Zusammengenommen machen diese Ergebnisse die Welt in Bezug auf die sexuelle Orientierung viel komplizierter als wir dachten. Früher glaubten wir, alle seien ordentlich in zwei Gruppen aufgeteilt: Homo und Hetero … heute wissen wir, vermischte Muster von Liebe und begehren kommen tatsächlich im Laufe des Lebens … ziemlich häufig vor.“

Ein paar Sätze für dich persönlich

Das Problem unserer Zeit besteht darin, dass wir uns von Worten und Begriffe blenden lassen, und dass wir zudem verführt werden, sie zur Abgrenzung zu benutzen, also: „Jener ist schwul, ich bin hetero“. Oder: „Jene ist hetero, aber ich bin lesbisch“.  Solche Abgrenzungen sind nur sinnvoll, wenn es darum geht, den „falsch Suchenden“ abzuweisen – ansonsten gibt es keinen Grund, sie zu betonen.

Ein Hinweis zum Schluss: Eine Praxis ist keine Orientierung

Zu alledem gibt es noch einen Hinweis, der die sexuelle Lust  betrifft: Eine sexuelle Praxis ist nicht „als solche“ entweder „heterosexuell“ oder „homosexuell“. Sie wird im Allgemeinen eher danach beurteilt, wie viel Lust sie dem Begünstigten verschafft.

Die Quellen:

Blank, Hanne: The Surprising Short History of Heterosexuality“, Boston 2012. Das Werk wurde noch nicht übersetzt. Bei der eigenen Übersetzung habe ich darauf geachtet, dass der Gesamtzusammenhang transparent bleibt.

Diamond, Lisa M.: in “The World Book of Love”.

Erwähnenswert sind hier auch die Forschungen von Meredith Chivers, deren Ergebnisse im Buch „What Women Want“ (New York 2013) zum Thema weiblicher Lüste veröffentlicht wurden. Das Titelbild entstammt den “Chansons Erotique”, historisch, Teilansicht.

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