Stendhal erklärt die Liebe im frühen 19. Jahrhundert

Wer war Stendhal?

Mit bürgerlichem Namen hieß er Marie-Henri Beyle, und er war ein Schriftsteller, dessen Hauptwerke in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen. Beyle war ein sehr genauer, kritischer  Beobachter des „besseren Bürgertums“.

Was schrieb Stendhal über die Liebe?

Vor allem sein Werk „Über die Liebe“, das 1822 erschien – zunächst mit ausgesprochen mäßigem Erfolg. Erst später erkannte man die zeitgeschichtliche Bedeutung seines Werkes – und heute ist es ein Klassiker, der immer wieder aufgelegt wird.

Wie sah Stendhal die Liebe?

Als die Liebe noch nicht zum Spielball der Wissenschaft gemacht werden konnte, unternahm ein Franzose im besten Mannesalter den Versuch, sie zu erklären. Sei Name war Henri Beyle, besser bekannt als Stendhal.

Die vier Arten der Liebe bei Stendhal

Er unterscheidet vier Arten der Liebe:

1. Die leidenschaftliche Liebe.
2. Die gepflegte oder galante Liebe.
3. Die rein sinnliche Liebe.
4. Die Liebe aus Eitelkeit.

Leidenschaftliche Liebe

Zur leidenschaftlichen Liebe müssen wir kaum etwas hinzufügen. Die grenzenlose Wollust, die sich über alle moralischen Grenzen hinwegsetzt, ist ihre Triebfeder und sie wir nur hin und wieder durch kulturelle Einflüsse zurückgedrängt. Heute finden wir sie in der erotischen Literatur ebenso wie im pornografischen Taschenbuch. Doch anders als zu Stendhals Zeiten kann sie heute so gut wie jeder auch körperliche empfinden und darüber reden oder schreiben, was er dabei empfindet.

Gepflegte Liebe

Das Gegenteil ist bei Stendhal ist die gepflegte Liebe, so, wie sie von den Fürsten- und Bürgerhäusern nach außer zelebriert wird: Alles wird in leuchtenden Farben ausgemalt, schwärmerisch vorgetragen und damit überhöht. Ihren Ursprung hat sie in der Minne, in der sozusagen „stufenweise“ festgelegt war, wie man eine Frau galant zu verführen hatte und wann welche Gunst gewährt wurde. Stendhal bezeichnet sie als einen „mühsam vor sich hinschleppenden Schwächling“. Heute finden wir sie in der Mehrzahl der Liebesromane, wieder, wobei die Skala von trivialen Groschenromanen bis zu dickleibigen Werken gefeierter Schriftstellerinnen reicht. Im realen Leben kommen diese „Überhöhungen“ heute nur noch selten vor, jedoch findet diese Art von „romanisierter“ Literatur auch heute och ihre Leserinnen, vor allem solche, die von Nostalgie durchtränkt sind.

Rein sinnliche Liebe

Die rein sinnliche Liebe ist die Liebe des reinen Fühlens, aber auch die der kitschigen Ausmalungen der Sinne. Die einfachen, oft linkischen Verführungen im Jugendalter, die „innere Flamme“, die lodert, die Verliebtheit, das Warten … das ist die sinnliche Liebe. Sie taucht in der Mädchen- und Frauenliteratur auf, oft als Ideal einer „rein sinnliche Liebe“, also einer Liebe, die vom Triebhaften so gut wie frei ist. In der heutigen realen Welt finden wir diese „romantische Liebe“ oder „zarte Liebesbande“ bestenfalls noch im schwärmerischen Umgang mit der Liebe und in der Verklärung der ersten Begegnungen als „Romanzen“.

Liebe aus Eitelkeit

Die Liebe aus Eitelkeit ist für Stendhal die schlimmste Form der Perversion. Man liebt nicht, sondern versucht, sich min einem „tollen Hecht“, oder einer „schön gewachsenen Maid“ zu schmücken. Wir müssen nicht in die Literatur schauen, um zu wissen, was hier vor sich geht: Bis heute gibt es die eitlen Gockel, die sich mit den makellos schönen, mädchenhaften Frauen schmücken. Bei den Frauen sind es heute die Akademikerinnen und gut verdienenden weiblichen Führungskräfte, für die nur die Sahnestücke am Männermarkt infrage kommen. Hier hat sich also wenig verändert.

Wie Liebe entsteht – nach Stendhal

Über die Entstehung der Liebe entwirft Stendhal ein Schema, das hier vereinfacht und sprachlich aktualisiert wiedergegeben wird. In Klammern die Bezeichnung bei Stendhal)

1. Jemand erregt unser Interesse. („Bewunderung“).
2. Wir können uns vorstellen, wie schön es wäre, von der Person liebkost zu werden. („Wunsch“).
3. Wir erleben erste Wellen der Wollust und der Begierde und hoffen auf mehr. („Hoffnung“).
4. Die Zeit der Liebeswonnen und des Liebesgenusses beginnt. („Geburt der Liebe“).
5. Die Verklärung der Liebe beginnt. Der Partner wird überhöht. Man ist verblendet. („Erste Kristallisation“).
6. Zweifel an der Liebe werden laut. Wir erkennen, dass wir uns zu schnell von der Liebe überwältigen ließen, dass die geliebte Person auch Eigenschaften hat, die wir übersehen haben – kurz: Wir sehen, dass der Alltag Einzug hält. („Zweifel tauchen auf“).
7. Die Liebe wird auch jenseits der ersten Verliebtheit neu entdeckt, etwa nach dem Motto: „Mit ihr/ihm ist es wundervoll, und ich kann mir vorstellen, dass unsere liebe eine Zukunft hat.

Was bedeuten Stendhal für uns heute?

Bei Stendhal müssen drei Punkte berücksichtigt werden:

1. Die Zeit, in der er lebte, war 1783 – 1842. Manche Betrachtungen orientieren sich stark an der Literatur und an dem, was die Oberschicht über die Liebe aussagt.
2. Für nahezu jeden Bereich des Lebens, vor allem aber für die Liebe, gab es Konventionen, die auch Stendhal nicht vollständig überwinden konnte – sein Buch muss also aus der Zeit heraus verstanden werden.
3. Die Sichtweise war nahezu vollständig männlich. Nur besonders exponierte Frauen wagten in jener Zeit, über die Liebe zu sprechen, und die auch nur sehr zurückhaltend.

Dennoch sind Stendhals Betrachtungen auch heute noch aktuell. Gibt es sie nicht auch heute, die Frauen, die sich Ihrer Wollust schämen? Schmücken sich nicht auch heute noch Frauen wie Männer mit ihren Partnern wie Trophäen? Und wie ist es mit der Literatur? Sind etwa nicht nahezu 98 Prozent der Liebesliteratur, gemessen an dem, was über den Buchhandel geht, aufgeblähte Kitschromane über die Liebe?

Stendhal im 21. Jahrhundert – für dich

Die Bedeutung für dich, die (oder der) du im 21. Jahrhundert lebst, geht im Grunde aus der klugen Schilderung der Entwicklung einer Liebe hervor, die sich kaum geändert hat. Auf Aufmerksamkeit folgt Interesse, dann entsteht das Verlangen und schließlich verfällt man der Liebe völlig. Daraufhin folgt Ernüchterung und schließlich bindet man sich – oder eben auch nicht.

Bezug : Nach den Ausführungen aus Stendhals Werk: “Über die Liebe”, in Deutschland 1950 zu Leipzig erschienen. Titelbild: Mihály von Munkácsy , Deutsch-Ungarischer Maler (1844 – 1900), Bild von 1896 – “Von den Blumen”

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