Die Ökonomie der Liebe

Münzprägung

Die Ökonomie der Liebe ist eine Entdeckung der neuen Zeit, in der Frauen emanzipiert sind und nach Belieben handeln können. Noch im 19. Jahrhundert benötigte niemand eine Ökonomie der Liebe – die Ehe war ein Vertrag zwischen dem Vater des potenziellen Ehemannes und dem Vater oder Vormund der für ihn vorgesehenen Braut. Die Liebe, so meinte man, sei entweder entbehrlich oder sie würde sich schon nach einiger Zeit entwickeln. Zu jenen Zeiten entstand auch das Paralleluniversum der romantischen Liebe, die überwiegend in der Literatur zuhause war, in der Praxis allerdings kaum.

Warum man früher nie über Ökonomie sprach

Beide Formen des Zusammenkommens benötigten keine Betrachtungen über Ökonomie. Die sogenannte „Konvenienzehe“ benötigte keine ökonomischen Überlegungen, weil sie bereits auf Wirtschaftlichkeit beruhte, die romantische Liebe auch nicht, weil sie damals eine Utopie war. Und die wenigen Beziehungen, die wirklich aus Liebe, Lust und Leidenschaft entstanden, waren so von Gefühlswallungen überladen, dass sich niemand über die Ökonomie der Liebe Gedanken machen musste.

Liebesökonomie – wichtig, aber unbeliebt

Erst die freie, unabhängige, emanzipierte Partnerwahl, die sich im 20. Jahrhundert entwickelte, zeigte uns die Notwendigkeit einer „Liebesökonomie“. Nun nämlich mussten die Partner Liebespotenziale entwickeln und verwalten. Detaillierter ausgerückt: Du kannst nur so viel Liebe ausgeben, wie du hast. Alles, was du noch mehr geben willst, überfordert dich, zwingt dich, Anleihen aufzunehmen und macht dich letztlich „Liebespleite“.

Es gibt eine große Anzahl von Menschen, die solche Sätze empörend finden – warum auch immer. Aber sie beruhen auf Tatsachen, die vielfach beschrieben wurden. Manche nennen sie „Liebesschmerz“ oder „Liebeskrankheit“. Dabei hoffen die Betroffenen, ihr Liebesproblem mit „noch mehr desselben“, also mit noch mehr Liebe, lösen zu können. Genau diese Liebe haben sie aber bereist „ausgegeben“.

Die Praxis der Liebeskonten

Ein anderer Beweis, der dafür spricht, dass Menschen „Liebeskonten“ führen und diese auch erschöpfen können, ist die vielfach aufgestellte Behauptung, jemand „habe zu viel Gefühle investiert“. Diese Personen scheuen sich, neue Beziehungen einzugehen, weil sie glauben, dass ihre Liebeskonten nicht mehr ausreichen, falls sie nochmals enttäuscht werden.

Normalerweise erwarten wir stets, genügend „Liebesreserven“ im Rückhalt zu haben, um unsere Liebe entweder „durchzubringen“ oder im Fall des Verlustes noch über ein Restpolster zu verfügen, dass uns eine neue Liebe ermöglicht. Wer psychisch sehr stabil ist, denkt zumeist nicht viel darüber nach und glaubt, dass sich die Liebeskonten auf unterschiedliche Art wieder „auffüllen“ werden.

Was Ökonomen über Gefühle sagen

Ökonomen sehen das so (1):

Jede Handlung geschieht deshalb, weil das Individuum davon ausgeht, dass die psychischen Kosten geringer sind als der psychische Gewinn und das daraus resultierende psychische Einkommen größer ist als bei der Umsetzung der anderen vorhandenen Handlungsoptionen.

Mit anderen Worten: Wer selbstbewusst und ökonomisch denkt, glaubt, dass er mit einem vergleichsweise geringen Einsatz von Emotionen einen Gewinn auf dem Gefühlskonto erzielen kann.

Wer hingegen labil ist und dazu von Begierde gesteuert handelt, der wird Gefühle in großen Einheiten verschenken, ohne überhaupt etwas zurückzubekommen.

Beide Bilder – der hart kalkulierte Einsatz von Emotionen einerseits und die desaströse Begierde anderseits kommen im „wirklichen Leben“ nur als Extreme vor. Der Rest der Menschheit weiß mit seinen Ressourcen umzugehen – auch mit den Ressourcen der Liebe, die ihm gegeben sind.

Ist die Ökonomie nun wirklich so wichtig für die Liebe?

Ökonomie der Liebe – Liebe im Gleichgewicht

Ohne jeden Zweifel ist sie wichtig für unser psychisches Gleichgewicht. Wir alle haben die Fähigkeit, die Kugeln der Emotionen bis an den Schüsselrand zu schleudern und zu genießen, dass wir völlig außerhalb „unserer emotionalen Mitte“ stehen. Wir können dies genießen, solange die Kugel nicht über den Rand hinausfällt. Das wäre der Punkt, der uns zum Psychiater führen würde. Normalerweise würde die Kugel aber wieder zurückfallen und sanft rotieren. Unser Gefühlsleben wäre damit in einer psychisch oder auch ökonomisch günstigen Lage.

Was die Ökonomie der Gefühle für die Liebe ist, ist der Markt für die Partnersuche. Wieder werden wir in ein Gebiet einsteigen, das neu ist und für viele Menschen peinlich: unsere Marktpräsenz und wie wir uns am am Partnermarkt darstellen.

Zitat (1) : Die Ökonomie der Sexualität, München 2015.

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