Liebe – ein uneindeutiges Wort

Es scheint immer so, als hätten wir nur ein Wort für die Liebe: Liebe.

Ein schrecklicher Zustand. Da schreibt ein Philosoph über die Liebe als ein „unordentliches Gefühl“, und ein Soziologe gar „über das Ende der Liebe“. Beide meinen, sie hätten das Recht, „Die Liebe“ einseitig zu kapern und so zu definieren, wie sie es für richtig halten.

Nun will ich euch nicht langweilen – aber ich muss doch feststellen, dass es offenbar mehrere Arten von Liebe gibt, die alle aus diesen fünf Buchstaben zusammensetzen: L-I-E-B-E.

Was wird also als Liebe bezeichnet? Und „ist“ sie das wirklich?

Liebe ist zunächst einmal Zuneigung

Die ältesten Quellen sagen uns: Liebe ist Zuneigung. Und diesen neutralen Begriff benötigen wir zunächst einmal. Denn wir können diesem mehr, jenem aber weniger zugeneigt sein. Das heißt im Grunde kaum mehr, als mit jemandem gerne zusammen zu sein. Verherrlichen wir diesen Zustand, dann wird daraus die „Freundesliebe“, wie wir sie in Schillers Gedicht „Die Bürgschaft“ im Extrem erleben. Die Liebe des Mannes zu einer Frau hingegen war schon deshalb keine „reine Liebe“, weil sie auch von Begehren getrieben war.

Auf dem Weg zur heißen Liebe

Zweifel am Wort

Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Liebe angereichert: Auf der einen Seite entstand „heiße, herzliche oder inbrünstige“ Liebe, die immer noch nicht sexuell war, aber gleichwohl leidenschaftlich, auf der anderen Seite die leidenschaftslose Liebe als „Sozialkitt“ und „Religionsbindemittel“. Die Selbstliebe, Gottes Liebe oder die Menschenliebe wurden zu eher abstrakten, schwer greifbaren Liebesbegriffen, die später von Soziologen aufgegriffen wurden. In englischsprachigen Ländern spricht man von der „romantschen Liebe“ und kommt damit dem näher, was wir hier betrachten wollen: Die Liebe zwischen Menschen, die mit dem Begriff körperliche Nähe und Geschlechtsverkehr verbunden ist. Darüber soll nicht vergessen werden, dass die Fortsetzung solcher labilen Verhältnisse oftmals in positiv-emotionale Beziehungen wie „glückliche Ehen“ mündet.

Ich habe diesen Abschnitt ein bisschen „ultrakurz“ verfasst, weil dies keine sprachwissenschaftliche Abhandlung werden soll. Jedem Interessierten empfehle ich, sich einmal die unendliche Sammlung von Bedeutungen anzusehen, die schon die Sprachforscher Grimm (1) zusammengetragen haben.

Neue Liebesbegriffe ab 1900

Der heutige Begriff von „Liebe“ entstand erst nach 1900, und er war sehr stark von Autoren beeinflusst, die hofften, dass die Menschen die Liebe sozusagen wieder neu erlernen könnten. Dies strebte auch der viel zitierte Psychologe Erich Fromm an (2). Er formulierte 1956 fünf Kapitel über verschiedene Arten der Liebe. Zahlreiche andere Autoren greifen darauf zurück und verfolgen deshalb den gleichen Ansatz.

  • Die Nächstenliebe.
  • Die mütterliche Liebe.
  • Die erotische Liebe.
  • Die Liebe zu sich selbst.
  • Die Liebe zu Gott.

Dabei bezeichnet Fromm die Nächstenliebe als das Fundament, die Mutterliebe wird bei ihm zur bedingungslosen Liebe. Die erotische Liebe beschreibt er als das Verlangen „nach vollständiger Vereinigung“, die Liebe zu sich selbst wird vorsichtig bejaht. Der Schlüssel zur Liebe zu Gott ist für den Psychotherapeuten eine andere Form des „Vereinigungserlebnisses“.

Auch das “Abendland” meldet sich

Wer sich wirklich durch alle Formulierungen quälen will, kommt auch am Griechentum nicht vorbei – und mancher wird sich dabei an seien Schulzeit erinnern. Wikipedia spricht gar von „der abendländischen Auffassung“ von Liebe, die in drei bis fünf Varianten vorkommt:

  • Eros steht für Sinnlichkeit, Begehren und Leidenschaft.
  • Philia bedeutet Liebe auf Gegenseitigkeit, das gegenseitige Erfüllsein voneinander.
  • Agape steht für die selbstlose Liebe.

Im Grunde genommen sind all diese Definitionen fragwürdig. Liebe ist nun einmal kein eindeutiges Gefühl, und jeder Mensch bringt seine eigenen Wünsche, Begierden, Erfahrungen und Probleme mit ein, wenn es um das geht, was er für „Liebe“ hält.

Müssen wir überhaupt so kompliziert denken? Sollten wir uns dem beugen, was uns Wissenschaftler überstülpen?

Mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt als bekannt, was die Liebe ist, nämlich dies (3):

Liebe, das Gefühl, welches ein erstrebenswertes Gut in den Lebewesen erregt, und das in der Vereinigung mit demselben, sei es als herrschendes oder dienendes Glied, seine Befriedigung findet.

Das heißt nicht viel mehr und nicht viel weniger als dies: Uns drängt es, uns mit anderen Menschen möglichst soweit zu vereinen, dass jeder seine Freude und sein Glück dabei finden kann. 

Das können wir immerhin wirklich leisten. Der bereits erwähnte Erich Fromm verteufelt diese Liebe, die er als „Egoismus zu zweit“ bezeichnet. Hier zeigt sich, dass die „Stimme der Erfahrung“ sich vom „wissenschaftlichen“ Anspruch bereits erheblich unterscheidet. Nahezu jedes Paar versucht, innerhalb der Gesellschaftsordnung „sein Ding zu zweit“ zu machen, und es ist kein Egoismus, daraus einen Wert zu schöpfen, der beiden zugutekommt.

Ein letzter Satz: Kein Wissenschaftler, der sich mit Thesen in euer Leben einmischen will, wird jemals euer Leben führen. Er hat zumeist nicht die geringste Ahnung, wie ihr im Inneren tatsächlich empfindet.

Zitate und Quellen:

(1) Das deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

(2) Nach Erich Fromm, “Die Kunst des Liebens”

(3) Meyers Lexikon, ca. 1884.

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