Wie wir die Liebe für uns definieren können

„Ich suche Klarheit über diese Leidenschaft zu gewinnen, deren Entfaltung stets eine gewisse Schönheit hat“

Henry Beyle, genannt Stendhal, 1822

Wenn wir über die Liebe reden, müssen wahrhaftig zuerst über den Ursprung sprechen. Wenn wir uns zu den Wurzeln niederbeugen, verlieren wir zugleich unseren Hochmut. Und also stellen wir fest: Die Liebe ist angeboren, ein Urtrieb und fest verankert in unserem Dasein. Sie tritt in unser Leben durch biochemische Prozesse, wird durch Botenstoffe in den Körper gesandt und löst dort erwünschet wie auch unerwünschte Reaktionen aus. Die Annahme, dabei handele es sich um „bloße Sexualität“ ist kompletter Unsinn. Wir sind Menschen, und alles, was in unserem Inneren vorgeht, wird in irgendeiner Form digitalisiert. Beim „reinen Sex“ ist das nicht nötig, weil er nur dem Verlangen der Natur folgt – der Penis muss in die Vagina, der Mann muss abspritzen. Im Idealfall haben beide eine ungeheure Lust daran, und sie lässt sich gar noch steigern. Der Fortpflanzung wäre damit genüge getan.

Doch der Mensch ist mit einem sehr komplexen Gehirn ausgestattet, das nicht einfach Reize empfängt und daraus Reflexe erzeugt. Seine beste Fähigkeit besteht darin, analog vorhandene Informationen, namentlich unbestimmte Triebe und Gefühle, zu digitalisieren. Das Wort bedeutet einfach: sie in Sprache umzusetzen. Was in Sprache steht, kann derjenige, der etwas empfindet, fühlt oder begehrt, in Gedankenprozessen umzusetzen. Und während der Urtrieb sich bestenfalls zwischen Frau und Mann durch unterschiedliche Konzentration verschiedenartiger körpereignen Drogen unterscheidet, geht das Verständnis für die Liebe durch den körpereigenen Computer wesentlich tiefer. Und zwar in Form von Erfahrungen, Informationen, Widersprüchen, Irrtümern und Korrekturen, die in das „Selbst“ eingehen – also in die Persönlichkeit. Wenn nun aber der Trieb gleich, die Umformung aber vielfältig ist, was ist dann das Ergebnis?

So viele Definitionen, wie es Menschen gibt

Mit großer Wahrscheinlichkeit finden wir heraus, dass es so viel Auffassungen von Liebe gibt, wie es Menschen gibt. Wenn wir dies einmal als Grundsatz nehmen, beherzigen und niemals vergessen, dann können wir sogar etwa Psychologie vertragen: ICH bin ICH, und DU bist DU. Und das zitiere ich jetzt:

Ich lebe mein Leben und du lebst dein Leben. Ich bin nicht auf dieser Welt, um deinen Erwartungen zu entsprechen – Und du bist nicht auf dieser Welt, um meinen Erwartungen zu entsprechen.

Und niemand auf dieser Welt darf uns belehren, was wir „für Liebe zu halten haben“. Denn das wissen nur wir selbst. Ich werde euch später Vorschläge machen, wie ihr das bewerkstelligen könnt.

Schön wäre es ja, wenn niemand versuchen würde, uns in der Liebe zu bevormunden. Doch die Psychiatrie, die Psychologie, die Pädagogik, die Religion und nicht zuletzt die Philosophie und die Soziologie haben darüber völlig abweichende Ansichten. Wir Menschen, die wir tatsächlich leben und lieben, wurden längst entmündigt. Experten aller Art sind angetreten, die Liebe in ihre jeweiligen Schemata zu zwängen und sie uns später überzustülpen.

Und wir? Wir können uns wehren, und zwar mit dem Satz, mit den einst der Schauspieler und Regisseur Patrick McGoohan die Mächtigen in die Schranken wies:

Ich werde mich nicht herumstoßen, einordnen, abstempeln, bewerten und abwerten lassen. Mein Leben gehört mir allein.

Kommen wir also zu uns zurück, zu unserem eigenen Leben, und zeigen wir es so, wie es ist. Ich unterstelle, dass die meisten von euch die Liebe schon einmal in irgendeiner Form erlebt haben. Manche als gewaltige Eruption eines schlafenden Vulkans, aus dem plötzlich flüssige Lava in die Ader abgelassen wird, manche als sanftes Kribbeln im Unterleib, das schließlich in brennendes Verlangen mündet. Manches davon ist bitter, manches ist süß – aber alles folgt dem natürlichen Rhythmus, der uns antreibt.

Wissenschaftler – das ist übrigens der Knackpunkt, an dem wir sie bei den Hammelbeinen packen können – arbeiten meist so, dass sie differenzieren, aber nicht integrieren. Deshalb versuchen sie zunächst, ihren Forschungsgegenstand einzuordnen, bilden Kategorien und versuchen, diese zu bewerten. Das heißt, sie ordnen uns in ihr Schema ein.

Ich beweise euch dies anhand der Dreieckstheorie der Liebe – ein an sich sehr hübsches Modell, dass aber in der Konsequenz als unerfüllbare Utopie missbraucht wird.

Wenden wir uns hier nur ganz kurz der Frage zu, wie wir unser Leben und damit auch die Liebe selbst definieren können. Wir werden noch oft darauf zurückkommen. Zunächst sollten wir die Psychologie so lange wie möglich meiden und stattdessen versuchen, uns zu dabei zu beobachten, wie wir in Liebessituationen hineingeraten oder wann, wo und wie wir ablehnen, darauf einzugehen. Ich sehe eine, dass dies im Zustand des sinnlichen Rausches nicht ganz einfach ist, aber wir könnten versuchen, ihn später zu beschreiben. All diese Affären, ONS, Amour fou, erotische Begegnungen oder tief empfundenen sinnlichen Erfahrungen werden in das eingehen, was wir später für uns als „Liebe“ definieren. Wir können dann feststellen, wann wir Sklavinnen oder Sklaven der Verliebtheit sind, wann wir uns der Liebe bewusst hingeben, um Freude zu haben und wann und wie wir erspüren, dass aus der Verliebtheit eine Beziehung wird. Kurz: Wir gewinnen das Definitionsrecht über die Liebe zurück und werden so selbstbewusst, dass wir keine Fremddefinition der Liebe benötigen.

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