Herr Laing stellt die Psychoanalyse auf den Kopf

verschachteltes bei laing

Wer war Ronald D. Laing?

Der Psychiater Ronald David Laing war ein bedeutender Erneurer der Sichtweise auf sogenannte „psychische“ Erkrankungen. Er dachte, schrieb und handelte nach neuen, in dere Psychiatrie oder Psychoanalyse selten verwendeten Erkenntnissen. Noch heute wirken Laings Erkenntnisse, mehr als revolutionär, vor allem, weil sich viele seiner Kollegen längst wieder auf ausgefahrenen Wegen tummeln.

Was hat Herr Laing über die Liebe geschrieben?

Laing hatte ständig die Liebe im Kopf, wenn er über Paare und ihre Beziehungen, aber auch über Neurosen und andere Themen schrieb. Ein Gedichtband trägt den Titel „Knoten“, ein anderer „Liebst du mich?“ Beide beschäftigen sich mit den Irrungen und Wirrungen menschlicher Beziehungen,

Für das Verständnis dieses Artikels sind keine spezifischen psychologischen Kenntnisse nötig. Das Buch, auf das ich mich hier hauptsächlich berufe, heißt „Interpersonal Perception“

Die Liebe – das ICH, das ANDERE und das WIR

Ronald D. Laing ist nicht gerade als „Liebesforscher“ bekannt. Doch eines seiner Werke, verfasst mit H. Phillipson und A.R. Lee, hat mehr mit der Liebe zu tun, als der Titel vermuten lässt: „Interpersonelle Wahrnehmung“, oder in einem Satz: „Wie Menschen sich untereinander wahrnehmen.“

Ich muss dich, liebe Leserin, lieber Leser, ein bisschen warnen. Denn jetzt wird es wirklich etwas kompliziert. Wie kompliziert es ist, geht aus den beiden zuvor erwähnten Gedichtbänden hervor, nämlich „Knoten“ und „Liebst du mich?“. Du musst Laing also nicht unbedingt als “wissenschaftliche Literatur” lesen.

Ein Gebiet, auf dem die Psycho-Branche grandios versagt, sind die Beziehungen zwischen Menschen. Das liegt in erster Linie daran, dass Freud und die meisten seiner Nachfolger und auch Gegner darauf fixiert waren, die Psyche eines einzelnen Menschen zu erforschen. Sie will das menschliche Fühlen, Befinden, Erleben, Denken und Verhalten untersuchen – mal die den Einzelnen und mal die der Massen.

Die Psychoanalyse als Methode tut sich aber schwer, die Einheit zu untersuchen, die zwei Menschen miteinander bilden. Hier könnte die Kybernetik helfen – aber sie ist nicht sehr beliebt bei allen Wissenschaften, die mit mit „Psycho“ beginnen.

Laing hat eine theoretische Grundlage geschaffen, die für sich eine Revolution im Psychobereich (Laing war Psychiater) darstellt: Er weiß, dass es eine „Metaperspektive“ gibt, das „WIR“. Und er sagt sogleich, dass dieses WIR in mindestens drei Formen existiert: meinem Bild von UNS, deinem Bild von UNS und dem Bild anderer von UNS.

Um es nicht zu kompliziert zu machen, will ich nur einen Satz folgen lassen, der erklärt, warum das Prinzip nicht so einfach ist:

„Ich denke, dass du denkst, dass ich denke.“

Einen Schritt weiter würde der Satz so heißen:

„Ich denke, dass du von mir denkst, ich würde von dir denken …“


Du bist nicht allein in deinem Gehirn 

Na schön. Nun zitiere ich mal Laing und den entscheidenden Satz, den viele Psychoanalytiker als „Unfug“ ablehnen würden.

Die ausschlaggebende Erkenntnis dabei ist, dass ich nicht der einzige Wahrnehmende und Agierende in meiner Welt bin.

Laing, Phillipson, Lee: interpersonelle Wahrnehmung

Im Grunde wissen wir das alle – nur die Psycho-Branche tut sich schwer damit. Ein DU in uns? Ein WIR in uns? Um Himmels willen! Wie verwirrend!

Und doch kriegen wir nur dann einen Haken an die Paarbeziehung, wenn wir „Metaebenen“ zulassen. Was „der Andere und ich“ oder „das ANDERE“ und „das ICH“ in meinem Gehirn ist, kann nur ich wissen. Es kann mir bewusst sein oder auch nicht, und falls ich im Leben mit meinem Partner keine größeren Probleme habe, wird es mir vielleicht nie bewusst.


Lieben heißt nicht “gleich fühlen”

Was das alles mit Liebe zu tun hat? Sehr, sehr viel. Die meisten Paare nehmen an, dass der jeweils andere in gleicher Weise fühlt wie der eine, der darüber nachsinniert. Gleiches Verliebtsein, gleiche Perspektiven, gleiches Denken, gleiches Fühlen?  Alles Illusion.

Oh ja – man kann etwas daran tun, um sich darüber auszutauschen, mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg. Ein Gespräch darüber, wie ich den anderen wirklich sehe und warum ich vermute, dass er/sie mich so und so sieht, kann klärend oder verheerend sein, je nachdem, welche Illusionen sich jeder über den anderen machte.

Ob es nötig oder sinnvoll ist, einander „wirklich“ zu lieben? Oder auch nur „wirklich zu verstehen“?

Laing erklärt dies in einem langen, aber durchaus verständlichen Kapitel von „Interpersonelle Wahrnehmung“, das ich auszugsweise wiedergebe:

Es liegt eine besondere Genugtuung in dem Gefühl, dass man eine andere Person versteht, und in dem Gefühl, dass man von einer anderen Person verstanden wird…. Viellicht erstehen sie einander sogar, wenngleich sie meinen, sich nicht zu verstehen

ebenda

Das scheinbare Paradox liegt darin, dass Gefühle ausgesprochen subjektiv sind. Aus der Kommunikationstheorie wissen wir darüber hinaus, dass Gefühle mit Worten nur sehr begrenzt „herübergebracht werden“ können. Und wir wissen auch, dass unserem Partner bisweilen das Gefühl reicht, verstanden zu werden und er sich nicht Bohne darum kümmert, ob er „wirklich verstanden“ wurde. Ein Beispiel: Nimm jemand in den Arm – und er glaubt, verstanden zu werden. Erkläre ihm deine Gefühlssituation ihm gegenüber – und erfühlt sich befremdet.  

Was Laing für dich bedeuten könnte

Das Denken übereinander, das Gefühl des Miteinanders, das verinnerlichte „ANDERE“ oder das gefühlte „WIR“ sind also wichtig für uns. Wir können mit diesen Begriffen wachsen oder auch versagen. Laings Gedicht „Liebst du mich?“ zeigt uns, wann, wie und warum wir versagen. Wenn wir am WIR und am ANDERE wachsen wollen, müssen wir sorgfältig damit umgehen – denn sowohl das WIR wie auch das ANDERE gehört zwar zu unserem Hoheitsgebiet, aber es gehört uns nicht alleine.

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